Auswertung/Zusammenfassung des 3. Konferenzteils

„Who killed Bambi? – Journalismus und Animation in Deutschland

MODERATOR
Ulrich Höcherl, Executive Editor-In-Chief & Deputy Managing Director Busch Entertainment Media

KEYNOTE
Gabriele Walther // Founder and Managing Director, Caligari Film

PANEL
Dr Rolf Giesen // Filmwissenschaftler und Journalist, Die Welt
Daniel Kothenschulte // Journalist, Frankfurter Rundschau
Tony Loeser // CEO und Produzent, MotionWorks
Andreas Platthaus // Journalist, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Julia Weber // Head of Acquisitions & Theatrical Sales, Global Screen

Keynote Gabriele Walther

In ihrer Keynote skizzierte Gabriele Walther die Situation des Animationsfilms im deutschen Markt und die Probleme mit denen er ihrer Ansicht nach aktuell besonders zu kämpfen hat:

  • viel Konkurrenz um die Zielgruppe Kinder auch durch Live-Action-Kinofilme
  • deutliche Zunahme der Nutzung von Home-Entertainment
  • wenige attraktive Starttermine
  • hohe Produktions-und Marketingkosten
  • reduzierte Eintrittspreise für Kinder an den Kinokassen
  • der Vergleich mit US-Produktionen, dem deutsche und europäische Produktionen durch deutlich geringere Budgets kaum standhalten können
  • Irritationen der Eltern über FSK- Freigaben und widersprüchliche Empfehlungen in den Sozialen Medien
  • zu wenig und oft unqualifizierte Medienberichterstattung, nicht zuletzt auch bedingt durch den Mangel an „Red-Carpet-Stars“ und Möglichkeiten der Boulevard-Berichterstattung.

Gabriele Walther wünscht sich für die Branche mehr Wertschätzung und Feedback an die beteiligten Kreativen, mehr Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auch beispielsweise durch die Etablierung eines Animationsfilmpreises beim „Deutschen Filmpreis“ aber auch qualifiziertere Berichterstattung über Animationsfilme und deshalb mehr Austausch mit den für Kinderfilm zuständigen Journalisten.

Panel

Ausgesprochen lebhaft diskutierten die Panlteilnehmer die Situation des deutschen Animationsfilms. Tony Loser und Julia Weber berichteten von den Erfolgen den deutschen Animationsfilms insbesondere in den letzten fünf Jahren. Deutsche Produktionen hätten sich sehr gut ins Ausland verkauft und seien dort zum Teil erfolgreicher gelaufen als im Inland. Es gebe in Deutschland sehr gut ausgebildete Talente, deren Arbeit zu wenig wertgeschätzt würde. Insgesamt werde über Animation den Medien zu wenig und zu uninformiert berichtet, gemessen an der Bedeutung, die sie insbesondere für die jüngere Zielgruppe habe.

Darüber hinaus werde in den Rezensionen selten berücksichtigt, dass die Budgets von deutschen Animationsfilmen (in der Regel 5-8 Millionen) deutlich hinter Hollywoodproduktionen (bis zu 100 Millionen) zurückliegen und es daher eigentlich erstaunlich sei, mit welch hoher künstlerischer Qualität die deutschen Produktionen daher kämen. Deutschland spiele quasi in der Regionalliga und nicht in der Championsleague des Animationsfilms und auch wenn es hin und wieder gelinge auf das Niveau der Championsleague zu gelangen, sei das bei den großen Unterschieden in der Finanzierung unmöglich dauerhaft zu leisten.

Die auf dem Panel vertretenen Journalisten Daniel Kothenschulte, Dr. Rolf Giesen und Andreas Platthaus machten sehr deutlich, dass es die Aufgabe des Kritikers sei, das zu würdigen, was er sehe. Er müsse nicht wissen, welches Budget der Film hatte, welche technischen Möglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten. Das trage zwar dazu bei, den Film besser einschätzen zu können, aber man könne auch ein ästhetisches Urteil fällen, ohne dieses Hintergrundwissen. Aufgabe des Feuilletons sei es, Animation als Kunstform zu betrachten und sie hätten keine Schwierigkeiten auch in kommerziell erfolgreichen Produktionen –bestes Beispiel seien die Filme von Miyazaki – aber auch bei einigen Pixar- oder Dreamworksproduktionen große Kunst zu entdecken. Bei den deutschen Animationskinofilmen der vergangenen Jahre hingegen sei das oft sehr schwierig gewesen. Sie bemängeln formalisiertes und standardisiertes Erzählen, schlechte Charakteranimationen, mangelnde Kreativität und die Auswahl von Stoffen unter Marketinggesichtspunkten. Gute Filme seien keine Frage des Budgets, es gebe zahlreiche Beispiele für sehr gute, anspruchsvolle Animationsfilme mit geringen Budgets.

Von Produzenten und Verleiherseite wurde entgegnet, dass es in Deutschland ausgesprochen schwer sei, anspruchsvollere Filme, auch für Erwachsene ins Kino zu bringen. Auch die Oskar-Prämierte Produktion „Song oft he Sea“ habe bisher in Deutschland keinen Verleih gefunden. Verleiher hätten in der Vergangenheit durchaus immer wieder versucht, künstlerisch anspruchsvolle internationale Animationsfilme herauszubringen, dies sei aber nur selten erfolgreich gelungen. Es könne nicht Aufgabe der Verleiher alleine sein, dem Publikum solche Animationsprojekte nahezubringen. Verleiher agierten, ebenso wie Produzenten und eben auch Journalisten in wirtschaftlichen Strukturen.

Auch könne man eben nicht einfach trennen zwischen Animation als Kunstform und kommerzieller Animation. Denn Talent und anspruchsvolle, kreative Filme könnten nur aus einer funktionierenden Branche erwachsen. So gebe es in Deutschland z.B. wenige gute Autoren für Animation, weil es eben gar keine ausreichenden Aufträge für diese Autoren gebe. Viele der hervorragend ausgebildeten deutschen Talente, würden in Deutschland keine adäquaten Arbeitsbedingungen vorfinden und dorthin gehen, wo die Bedingungen besser sind. Nicht selten seien die Abschlussfilme der Hochschulabsolventen, die Bewerbungsfilme für Hollywood.

Einig waren sich Journalisten, Produzenten, Verleiher und auch das Auditorium darüber, dass sie gerne sehr viel mehr über Animation in den Printmedien lesen würden. Die Gründe dafür, dass dies so selten geschieht, sind nach Ansicht der Journalisten vielfältig. Ein wichtiger Aspekt sei selbstverständlich, dass Animation nur einen recht kleines Segment, innerhalb der Vielzahl der jährlich herauskommenden Filme sei. Ein weiteres Problem sei aber gerade in Deutschland die definitorische Festlegung von Animation als Kinderfilm. Dies sei in anderen Ländern anders und es habe in den vergangenen Jahren einige Beispiele für erfolgreiche Erwachsenenanimation gegeben, in Deutschland aber habe man sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen darauf festgelegt, dass Animation Kinderfilm sei. Auch die Sendeplätze im Fernsehen zeigten das deutlich.

Dies führe dazu, dass auch in den Redaktionen von Feuilletons und Magazinen, Animation als Thema nur schwer zu verkaufen sei. Ein Journalist und Filmkritiker könne zwar Texte anbieten, aber die Redaktionen entschieden darüber, ob ein Thema für sie relevant sei. Dass außerdem der Großteil der Leserschaft von Zeitungen (regional und überregional) über 50 Jahre alt sei und junge Eltern also nicht vorrangiges Zielpublikum dieser Medien seien, mache die Sache noch schwieriger.

Rezensionen zu Animationskurzfilmen, die in Deutschland fast ausschließlich auf Festivals laufen, unter denen jedoch durchaus qualitätsvolle Animation zu finden sei, seien ebenfalls schwer unterzubringen. Hier würde auch in den Redaktionen leider in Bezug auf Film noch zu sehr in Klischees gedacht.

Insgesamt schätzen die Journalisten ihren Einfluss auf Erfolg und Misserfolg von Filmen eher gering ein. Online-Medien und Marketing hätten einen weit größeren Einfluss. Sie sehen ihre Aufgabe vielmehr darin, dazu beizutragen, dass in einer globalen digitalen Welt, in der unglaublich große Bildquantitäten immer und überall zur Verfügung stünden, auch etwas von der Animationskunst überlebe, die sie alle so schätzten. Denn am Ende seien sie ja keine Gegner sondern im Gegenteil, Verfechter der Animation.

Auch wenn also die Positionen und Einschätzungen des Panels sehr divergent waren, was aufgrund der Konstellation nicht anders zu erwarten war, so bleibt festzuhalten, dass die deutsche Animation die Unterstützung und das Engagement aller Branchenbeteiligten braucht: der Produzenten, Verleiher und Sender ebenso wie der Förderinstitutionen, der Journalisten und Lobbyisten, um dauerhaft mehr Anerkennung, mehr Beachtung und auch mehr Anhänger zu finden.